Kunsthalle

Mit dem italienischen Avantgardekünstler Lucio Fontana fing alles an, 1968, auf der documenta. Frieder Burda entdeckte eine leuchtend rote Leinwand, in der drei Schnitte klafften. Das Bild ließ den Unternehmer aus Deutschlands berühmter Druckerei- und Verlegerdynastie nicht mehr los. Es wird zum Grundstein einer der bedeutendsten Privatsammlungen Deutschlands. Nicht die kühlen analytischen Bilder faszinieren Burda, sondern Werke, die ein zerrissenes, revoltierendes Menschenbild zeichnen und in die Tiefen der Psyche und der kollektiven Geschichte vordringen.

In Berlin präsentiert die Deutsche Bank KunstHalle anlässlich des 10-jährigen Bestehens des Museum Frieder Burda in Baden-Baden eine Auswahl von 113 Papierarbeiten, die erstmals Einblicke in eine noch kaum bekannte Seite der Sammlung – und in das schöpferische Denken von großen Malern des 20. Jahrhunderts geben. Zum Konzept der Ausstellung gehört es, dass sechs Werkblöcke von Georg Baselitz, Willem de Kooning, Sigmar Polke, Arnuf Rainer, Neo Rauch und Gerhard Richter miteinander korrespondieren. Dabei bildet jeweils ein exemplarisches Gemälde des Künstlers den Auftakt zur Präsentation seiner Zeichnungen, Aquarelle und Gouachen.

Der expressive Dialog zwischen dem zeichnerischen Spätwerk de Koonings und den Zeichnungen zu Baselitzʹ 1980 entstandenem Malereizyklus Straßenbild, der die Schau eröffnet, mag zunächst überraschen. Doch er vereint zwei Protagonisten der Nachkriegskunst, die ein abgründiges, »unkultiviertes« Menschenbild entwarfen und Traumata berührten. Beide behandelten die Figur in der Malerei geradezu aggressiv und entwickelten einen brachialen, kühnen Malstil – ohne dabei im traditionellen Sinne abzubilden oder zu abstrahieren.
Mit den Werkblöcken von Sigmar Polke und Gerhard Richter stehen sich anschließend in der Ausstellung Arbeiten zweier Künstler gegenüber, die in der Sammlung Frieder Burda eine zentrale Rolle einnehmen. Zugleich sind sie durch ihre Biografien, ihr Werk und ihre Freundschaft eng miteinander verbunden. Richter (Damenschuh), Richters Kundendienst, Schlankheit durch Richter: Solche Anpreisungen sind Titel von Zeichnungen aus dem Jahr 1965, in denen Polke nicht nur die maßlose Lust am Konsum persifliert, sondern zugleich die Rolle des Künstlers und den Warencharakter der Kunst. Der Freund wird hier zur fiktiven Marke. Im Jahr 1965, mitten im Vietnamkrieg, verleiht er in seinem Gemälde Kartoffelköppe (Mao & LBJ) der Kartoffel als Wahrzeichen deutscher Wirtschaftswundergemütlichkeit zweifelhafte ideologische Weihen. Polkes Zeichnungen von 1963 bis 1976 bilden das größte Konvolut in der Ausstellung. Demgegenüber stehen Gerhard Richters monochrome Leinwand Grau von 1974 und eine Werkgruppe von abstrakten Aquarellen aus den späten 1980er-Jahren. Bereits in den späten 1970er-Jahren begann Richter, ganz gegen den Zeitgeist und in Opposition zur figurativen Malerei der »Neuen Wilden« und des Neo-Expressionismus, an seinen »Abstrakten Bildern« zu arbeiten. Für ihn hatte sich die gegenständliche Malerei zu diesem Zeitpunkt erschöpft. Polke und Richter hatten noch in den 1960er-Jahren der gegenständlichen Malerei zu einer Rückkehr in die Gegenwartskunst verholfen. Dennoch hinterfragten beide von Anbeginn den abbildhaften Charakter der Malerei. Schaffte bei Polke das Raster die Distanz zum gewohnten Sehen und stellte die Realität des Bildes und die Produktion von Bildern infrage, verwischte und verfremdete Richter seine Bildmotive.
Auch bei Arnulf Rainer, dessen zeichnerischem Werk eine eigene Sektion gewidmet ist, geht es bei seinen Übermalungen um den Versuch, den Bildern das zurückzugeben, was sie verloren haben: ihr Geheimnis. Bereits in den 1950er-Jahren beginnt er damit seine eigenen Bilder zu übermalen. Im Laufe der kommenden Jahre entwickeln sich die geschlossenen schwarzen Flächen, die auf den frühen Papierarbeiten aus der Sammlung Frieder Burda zu sehen sind. Dabei geht es nicht um die Zerstörung des Motivs, sondern, so Rainer, um dessen »Vervollkommnung«. Die kompromisslose Auseinandersetzung mit der eigenen, menschlichen und künstlerischen Existenz spiegelt sich auch in seiner Van Gogh-Serie von 1977 wider.
Den Abschluss von „…..Höhere Wesen befehlen“ bilden nur wenig bekannte, frühe Zeichnungen Neo Rauchs. Wie viele der in der Ausstellung vertretenen Werke bewegen sich auch die Papierarbeiten aus der Wendezeit der frühen 1990er-Jahre am schmalen Grat zwischen Figuration und Abstraktion. Und wie die Werke Richters, Polkes und Baselitzʹ berühren sie unterschwellig auch den ideologisch aufgeladenen Streit zwischen beiden Strömungen.

Die Ausstellungen wurde von Goetz Adriani, Kuratoriumsmitglied Stiftung Frieder Burda, und Friedhelm Hütte, Global Head of Art Deutsche Bank, kuratiert.

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Galerie

Gerhard Richter, 3.5.88, 1988, Sammlung Frieder Burda, Baden-Baden
© Gerhard Richter 2014

Katalog

».....Höhere Wesen befehlen«. Arbeiten auf Papier aus der Sammlung Frieder Burda, Herausgegeben für die Deutsche Bank AG von Götz Adriani und Friedhelm Hütte, Beiträgen von Friedhelm Hütte, Hans-Joachim Müller, Thomas Wagner sowie einem Interview der Herausgeber mit Neo Rauch, Deutsch, 160 Seiten, 446 Abbildungen, gebunden mit Schutzumschlag, ISBN 978-3-7757-3929-0, Hatje Cantz

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Rundgang durch die Ausstellung

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